Das Radio

Nach dem Festival im Sommer 2021 schickte ich dieser Legende also eine Freundschaftsanfrage bei Facebook, die er auch innerhalb von ein paar Stunden annahm. Dann passierte nichts weiter.

Natürlich habe ich mir alles angeguckt, was er da so gepostet hatte. Am meisten hat mich interessiert, ob ich sein Geburtsdatum herausfinden könnte. Konnte ich. Ein paar Wochen lang beschäftigte ich mich mit der Person und beschloss dann, naja, der hat jetzt irgendwie einen netten Eindruck gemacht, aber da wird nichts weiter passieren. Wenn er Interesse hätte, hätte er sich ja gemeldet. 

Ein Jahr später fand ich heraus, dass dieser Typ sich sehr viel Mühe gab, so viel wie nur möglich über mich herauszufinden. Was astrologisch gesehen kein Wunder war. Er hatte ein Venus-Pluto Quadrat. Diesen Leuten sagt man nach, dass sie sehr obsessiv ihre Liebe ausdrücken. Seine Venus und wahrscheinlich auch sein Mond waren in ziemlich genauer Konjunktion zu meiner Sonne. Ich verkörperte also ein Liebesideal für ihn und wurde zum Objekt seiner Obsession.

Die Obsession äußerte sich dadurch, dass er andere instrumentalisierte, mir auf allen möglichen Kanälen Liebeslieder zu schicken. Das waren Posts auf Facebook in bestimmten Gruppen, Posts auf Youtube von Musik-Kanälen, denen ich folgte und Soundcloud-Mixe. Die Mixe waren besonders interessant, da viele dieser DJs es verstanden, mit Musik zu sprechen. Die meisten Sets waren nicht nur musikalisch abgestimmt, sondern die Songs erzählten zusammen eine Geschichte. Meistens waren es Geschichten über diese hübsche Frau, die so schön tanzt und dass der Gigolo incognito sie so gerne in seinen Armen halten würde. Oder so ähnlich. 

Die Verfolgung mit Liedern gipfelte in einem Online-Radio, das am 3.3.2022 startete. An dem Tag hatte ich einen neuen Follower auf Instagram, “Musikradio X” mit einem Link im Profil. Der Link führte zu einer Internetseite mit Internetradio. Am Anfang dachte ich mir nicht viel dabei, sondern freute mich, einen neuen Sender gefunden zu haben, der meine Lieblingsmusik spielte. Ich dachte, dieser Instagram Account, der an dem Tag so ungefähr 300 Leute hinzugefügt hatte, hätte mich mit Hilfe von Algorithmen gefunden. Ziemlich schnell schlich sich bei mir aber so eine Ahnung ein, da die vorgenannten Posts auf Facebook zweideutige Anspielungen machten. Steckte diese Legende hinter diesem Radio?

Ende März hatte ich Corona. Es war nicht so schlimm, aber ich musste halt zu Hause bleiben. Ich spielte die meiste Zeit ein Computerspiel und hörte dazu das Radio. Nach einer Woche täglichem Hören war ich mir sicher. Hinter dem Radio steckt jemand, der Sachen über mich weiß. Da waren Lieder, die sich täglich wiederholten. Rotation nennt sich das. Diese Lieder erzählten etwas über meine Arbeit, das Kleid, das ich bei dem Festival getragen hatte und mein Interesse für Astrologie und Tarot. 

Danach war ich angefixt. Ich wollte herausfinden, ob meine Ahnung stimmte. Aber wie? Ich schickte eine Nachricht an die Legende. Er sagte, er wäre es nicht. Später an diesem Abend spielte das Radio Entschuldigungslieder und er müsse incognito bleiben, weil er eine Legende sei. Ich hab mich davon einlullen lassen. Ich fand es auch irgendwie cool, so eine geheime Kommunikation und ich fand es auch echt romantisch. Irgendwann hatte ich eine Möglichkeit gefunden, mit dem Radio zu kommunizieren – ich hatte bei Youtube einen Account gefunden, den ich mit dem Radio in Verbindung brachte. Ich folgte diesem Account und veröffentlichte Playlisten, in denen ich versuchte, mit Songs zu kommunizieren. Bald entstand ein Spiel. Ich fügte einen Song in der Playlist hinzu und das Radio sendete eine Antwort. 

Total psychotisch. Das sagten auch einige Freunde zu mir, als ich ihnen davon erzählte. Ein paar glaubten mir aber, waren jedoch skeptisch und sagten, ich solle aufpassen. Ich war sehr naiv, ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass da etwas Böses hinter stecken konnte. Im Mai war ich so sehr in diese Geschichte verstrickt, dass ich an nichts anderes mehr denken konnte. Ich hatte keine Konzentration mehr bei der Arbeit und hatte kaum soziale Kontakte. 

Inzwischen vermute ich, dass der oder die Radiomacher sich mit Hypnosetechniken auskannten. Das ist mit elektronischer Musik relativ einfach, vor allem mit polyphoner Musik. Polyphone Musik besteht aus vielen Schichten verschiedener Instrumente. Beim Hören ist das Gehirn mit der Fülle überfordert, da es unmöglich ist, alle Schichten gleichzeitig zu erfassen. Man gerät beim Hören in einen tranceähnlichen Zustand.

Es sollte aber eine Auflösung geben. Da war ein Festival Ende Mai, wo der Gigolo incognito mich treffen wollte. 

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