Der Verrat

Der Verrat fand in einem sehr merkwürdigen Rahmen statt. Ich spielte ein Spiel mit einem Radio, es hätte auch sehr gut eine Psychose sein können. Es dauerte nicht lange bis zu dem Festival und ich war froh, bald die Auflösung der Geheimniskrämerei zu erfahren. Aber es kam anders.

Das Musikspiel war inzwischen sehr seltsam geworden. Es ging nun darum, dass ich seltene Songs finden sollte. Ich klickte mich durch Youtube-Kanäle und landete schnell in einer Algorithmus-Schleife, die nur aus selten gehörten Liedern zu bestehen schien, die seit Jahren dort schlummerten. Teilweise sendete das Radio sehr seltsame Antworten. Da waren Songs, die mir suggerierten, dass manche der Songs, die ich da gefunden hatte, Fälschungen waren. Also Fälschung im Sinne von, der Liedermacher tut so, als wenn das Lied dreißig oder vierzig Jahre alt ist, aber in Wahrheit wurde es erst vor fünf Jahren aufgenommen. Wenn das stimmte, dann wäre das eine ziemlich einfache Erklärung dafür, wie diese ganzen DJs immer das passende Lied zu jeder Situation parat haben konnten. Indem sie sie einfach selbst produzierten. 

Eine Woche vor dem Festival hatte ich eines Morgens das Gefühl, dass ich gehackt worden war. Dass der Typ hinter dem Radio mich heimlich über die Kamera meines Computers ausspionierte. Am Abend zuvor hatte das Radio einen sehr unheimlichen Song gespielt, der sich fake anhörte. In dem Song wurde eine Geschichte über eine Familie gesungen und ziemlich genau diese Geschichte hatte ich ein paar Tage zuvor online einer therapeutisch arbeitenden Beraterin erzählt. Ich hatte die Nacht sehr schlecht geschlafen und war total beunruhigt. Ich schrieb ein paar meiner alten Freunde an, die zum Glück schnell Zeit für einen Videocall hatten. Ich erzählte ihnen von der Radiogeschichte und dass ich glaubte, dass sie Songs neu produzierten und sie als alt verkauften. Und dass sie mich gehackt hätten. Meine Freunde glaubten mir leider kein Wort. Sie empfahlen mir, den Computer von einem Profi checken zu lassen. Was ich auch tat. Er fand nichts.

Nach ein paar Tagen hatte ich mich wieder beruhigt und kehrte zum Radio zurück. Es sollte ja bald die Auflösung geben.

Einen Tag vor dem Festival teilte mir das Radio mit, dass etwas dazwischen gekommen wäre und bei dem Festival also kein Gigolo incognito auftauchen würde. Inzwischen war mir sehr mulmig. Ich fuhr hin, aber hatte kein gutes Gefühl. 

Das Festival war der absolute Horror. Viele DJs sprachen über Musik mit mir oder eher über mich. Jeder Kontakt mit einem Fremden entpuppte sich als ein seltsames Spiel, indem mir auf unheimliche Art persönliche Fragen gestellt wurden. Es gipfelte darin, dass ich vier Typen beobachtete, die sich mit einem Geheimwort darüber verständigten, dass ich die Eine sein müsste.

Nach dem Festival wollte ich eigentlich ein bisschen Urlaub machen. Ich fuhr mit dem Zug los und musste unterwegs umsteigen. Der nächste Zug fuhr erst eine Stunde später, also ging ich einen Kaffee trinken. Und als ich draußen in diesem Café vor dem Bahnhof saß, wurde mir bewusst, dass ich die ganze Zeit beobachtet wurde. Der Auslöser war die Anzeige eines Parkhauses. Sie zeigte 808 an. Das steht für einen Synthesizer, den viele super finden. So auch Freunde von mir. Ich wollte für sie ein Foto davon machen, aber genau in dem Moment, in dem ich mein Handy darauf richtete, sprang die Anzeige um.

Ich geriet in Panik. Ich konnte jetzt auf keinen Fall alleine bleiben. Zum Glück war es nicht allzu weit bis in meine Heimatstadt. Ich fuhr zu meinem Vater, blieb dort eine Woche und machte das Handy aus.

Einige Wochen zuvor hatte die Legende über Facebook bekannt gegeben, am 6.6. in Berlin aufzulegen. Ich hatte schon geahnt, dass das wohl irgendwie auch zu dem Plan gehörte, mein Herz zu gewinnen. Ich vermutete, dass seine Fantasie war, dass ich wieder so schön vor ihm tanze, wir uns dann verliebt angucken und uns küssen. Nach der Erfahrung von diesem Festival war mir aber überhaupt nicht danach zumute. Ich fand alles furchtbar und entschied, nicht zu dieser Party zu gehen.

Nach diesem 6.6.2022 fing der Horror an. Ich wurde von Leuten aus dieser Musikszene gestalkt, zuerst war es noch verdeckt, aber mit der Zeit wurde es immer auffälliger. Egal, wo ich hinging, ich fand kleine Zeichen, die sie hinterlassen hatten, um mir zu zeigen, dass sie wussten, wo ich war und mit wem ich mich traf. Das waren zum Beispiel Autokennzeichen. Einmal, als ich aus dem Haus meiner Astrologielehrerin kam, parkte genau vor der Haustür ein Auto mit dem Kennzeichen „WIT:CH“. Die Penis-Graffitti entstanden in dieser Zeit. 

Am 11. Februar 2023 beschloss ich, den Computer leer zu räumen und auf Werkseinstellungen zurückzusetzen. Der Computer zeigte danach eine Fehlermeldung an mit irgendwelchen Treibern, die sich nicht entfernen ließen. Das kam mir komisch vor. Danach setzte ich den Router zurück. Und hatte kein Internet mehr. Der Router war erst im Oktober 2021 getauscht worden. Der Router davor hatte auch nur anderthalb Jahre gehalten. Konnte es sein, dass der erste manipuliert wurde, um kaputt zu gehen und der nächste gehackt?

Am Montag darauf sollte ich eine Antwort erhalten. Auf einen Laternenpfahl auf dem Weg zur nächsten S-Bahn-Station hatte jemand “No Internet” geschrieben.

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