Ende 2017 zog ich nach Berlin. Ich wollte herausfinden, warum so viele Menschen Berlin so toll finden und unbedingt dahin wollen. Der zweite Grund war, dass ich in einer Stadt leben wollte, in der ich tanzen gehen konnte. In Berlin war das möglich. Die Zeit bis Corona kam, war schön. Ich hatte eine Freundin gefunden, die ich zu den ganzen Underground-Parties schleppen konnte, für die ich mich interessierte und wir tanzten viele Nächte lang.
Mit der Zeit fiel uns auf, dass die Leute auf den Parties irgendwie seltsam waren, es war schwierig, Kontakte zu knüpfen. Meine Freundin und ich waren auch ziemlich schüchtern, sie noch mehr als ich. Das war vielleicht eine Erklärung. Eine andere waren Drogen. Im Berliner Nachtleben wird sehr viel Koks oder Speed konsumiert. In vielen Clubs muss man echt lange an der Toilette anstehen und meistens kamen drei oder vier Leute aus einer Kabine heraus. Diese Drogen sind nicht gerade Empathie fördernd. Ab und zu trafen wir aber auch nette Leute. Insgesamt hatten wir eine gute Zeit.
2019 überredete ich meine Freundin, zu einem kleinen Festival zu fahren. Sie hasste Zelten, ließ sich aber darauf ein. Dieses Festival gab es schon seit vielen Jahren, es wurde von einem DJ-Kollektiv organisiert. Der Sport dieser DJs war es, rare und obskure Platten zu sammeln. Das Festival war super, wir hatten viel Spaß und lernten nette Leute kennen. Es schien dort auch nicht so viele Kokser zu geben.
Ein Jahr später, als dann Corona kam, verkrachte ich mich mit dieser Freundin. Es kam zum Kontaktabbruch. Das Festival fand wieder statt und ich fuhr alleine hin. Das hätte ich nicht machen sollen. Es waren kaum Leute da und niemand, den ich kannte. Ich fühlte mich sehr unwohl und die schöne Stimmung, die mich im Jahr zuvor so begeistert hatte, fand ich nicht wieder.
Wieder ein Jahr später, 2021, fuhr ich trotzdem wieder hin und war dieses Mal auch nicht alleine. Ein Kumpel, der 2019 auch da gewesen war, hatte nicht seine übliche Begleitung dabei, also schlossen wir uns zusammen. Ich mochte ihn gut leiden. Er war Wassermann, hatte null für Astrologie übrig, aber wir hatten andere gemeinsame Interessen, über die wir lange quatschen konnten. Wir trafen uns ab und zu, rauchten Gras, hörten Musik oder guckten Filme. Er erklärte gerne seine Musik, wie er sie machte und was er sich von wem abguckte. Das fand ich interessant. Nach seinen Auftritten wollte er auch meine Meinung hören, aber im Sinne von ernsthafter Kritik. War der Gesang im Ton? Laut genug? Waren die Effekte an der richtigen Stelle?
Er sagte über sich selbst, dass er wahrscheinlich Asperger habe. Sich in andere hineinzuversetzen fiel ihm sehr schwer. Ich bin das ziemliche Gegenteil. Ich bin hochsensibel und sehr empathiefähig. In den Jahren zuvor hatte ich mit meiner Tanzfreundin manchmal Ecstasy genommen. Dabei entdeckte ich, dass bei mir die Droge auslöste, dass sich meine Empathie mehr auf mich richtete. Natürlich fand ich wie andere auch alles schöner und bunter. Aber ich war dann auf einmal nicht mehr damit beschäftigt zu fühlen, was andere fühlen.
Ich überredete meinen Kumpel, uns für das Festival MDMA zu besorgen. Er hatte das noch nie genommen. Seine Lieblingsdroge war LSD, aber davor hatte ich Angst. Ich dachte, vielleicht bewirkt MDMA bei ihm, dass er sich mehr nach außen kehrt. Leider hat das nicht geklappt. Er war noch mehr in sich versunken als sonst, aber er fand es nicht unangenehm.
In dieser Nacht, in der wir high waren, spielten zwei DJs aus dem Kollektiv, die während des Lockdowns zu meinen Lieblings-DJs geworden waren. Einer der beiden hatte regelmäßig Mixe auf Soundcloud hochgeladen, die ich oft hörte. Der andere war so etwas wie eine Legende. Ich hatte vorher meinem Kumpel erzählt, dass ich mich sehr freue, die beiden auflegen zu hören. Er kannte sie und stellte mich ihnen am ersten Tag des Festivals vor.
In den beiden langen Lockdown-Wintern hatte ich es sehr vermisst, tanzen zu gehen. Ich tanze gerne und gut. Ich habe ein gutes Rhythmusgefühl. Vor Corona gab es eine Partyreihe, zu der ich immer ging. Der Veranstalter konnte gut auflegen und brachte mich jedes Mal in Trance. Da brauchte ich keine harten Drogen. Weißweinschorle und Joints reichten mir völlig aus.
In dieser Nacht auf dem Festival war ich auch in Trance. Ich war echt high und ziemlich in mir versunken. Ich konnte mich hinterher an keine einzige Melodie aus dem Set der Legende erinnern. Bei dem anderen DJ, der vor ihm spielte, war es nicht so. Da kann ich mich heute noch an Stellen erinnern.
Ich muss aber Eindruck hinterlassen haben. Am nächsten und letzten Tag des Festivals schlich diese Legende irgendwie um mich herum. Einmal rempelte er mich “aus Versehen” im Vorbeigehen auf der Tanzfläche an. Gegen Ende des Abends sah ich, dass er alleine in einer Sitzecke saß. Ich hatte Tarotkarten dabei, fasste mir ein Herz und fragte ihn, ob er sich die Karten legen lassen wollte. Er sagte ja und erzählte, dass er auch Tarotkarten habe, aber sich mehr für I Ging interessierte. Wir unterhielten uns etwa eine halbe Stunde lang, bis er ziemlich plötzlich aufsprang und sagte, er müsse jetzt schlafen gehen, da er am nächsten Tag eine lange Reise vor sich habe. Er wollte aber gerne mit mir in Kontakt bleiben und sagte, ich solle ihn bei Facebook oder Instagram finden.