Die Nachbarn

Neben dem Gangstalking im öffentlichen Raum wurde ich auch in meiner Wohnung von denen traktiert. Das Haus war Teil einer Wohnanlage, die in den 30ern Jahren geplant und gebaut wurde. Es war sehr hellhörig. Die Decken und Treppen waren aus Holz und es gab keine Schallentkopplung zwischen Wänden und Decken. Die Wände bestanden teilweise aus undefinierbarem Material. Das entdeckte ich, als ich Regale aufhängen wollte. Aus den Bohrlöchern kam schwarzer Staub, der sich an der Tapete festsetzte und nach Schwefel roch.

Unter mir wohnte eine grätzliche Frau, niemand im Haus konnte sie leiden. Sie konnte anscheinend auch niemanden leiden. Nachdem ich ein halbes Jahr dort gewohnt hatte, wechselte ich den Job und damit auch meinen Tagesrhythmus. Vorher musste ich gegen sieben das Haus verlassen, im neuen Job hatte ich Gleitzeit. Leider konnte ich das nicht so sehr genießen. Diese Nachbarin hatte nämlich einen Freund, beide hatten chronischen Husten. Mein neuer Tagesrhythmus richtete sich bald nach ihrem. Ich ging nach elf ins Bett, nachdem beide ihren abendlichen Hustenanfall gehabt hatten, und wurde oft morgens von Husten geweckt. Die Wohnung hatte eine Wohnküche und ein Schlafzimmer. Es gab also keine Möglichkeit, das Bett in ein anderes Zimmer zu stellen. Das Husten von dem Mann war so laut, dass ich die Vibrationen durch die Holzdecke hindurch im Bett spürte. Manchmal wurde ich mitten in der Nacht geweckt und spürte den Husten wie einen Schwall im ganzen Körper. 

Die Nachbarn in der Wohnung gegenüber schienen sehr nett zu sein, mein Vormieter sagte mir, dass er mit ihnen freundschaftlich verbunden wäre. Ich hatte kurz nach meinem Einzug einmal dem Nachbarssohn einen Schlüssel überlassen, weil Handwerker zu einer Routinekontrolle kommen sollten. Als die Handwerker kamen, war der Sohn aber gar nicht da und am nächsten Tag fand ich den Schlüssel mit einem Zettel im Briefkasten wieder. Auf dem Zettel war eine kurze Entschuldigung, dass es leider nicht geklappt hätte. 

Sie müssen den Schlüssel nachgemacht haben. Mit der Zeit gingen verschiedene Dinge kaputt. Meine Lieblingssocken hatten ungewöhnlich schnell Löcher an den Fersen.

Im Flur hatte ich selbstklebende Vinylfliesen verlegt, die ich bei Amazon gekauft hatte. In den Bewertungen war zu lesen, dass der Kleber an sich gut hält, nur an den Rändern etwas fehlt. Bei manchen gingen die Fliesen mit der Zeit hoch, was man aber reparieren konnte, indem man da nachträglich zusätzlichen Kleber aufträgt. Manche hatten das von vornherein gemacht und sagten, die Fliesen würden super kleben. Ich dachte, na gut, wenn sich also herausstellt, dass die Fliesen hochgehen, dann kann ich ja nachträglich noch was machen. Ich verlegte die Fliesen im April 2022, als ich wegen Corona-Verdacht eine Woche zu Hause bleiben musste. Im Juli 2022 fing eine Fliese an, sich zu verschieben. Die vor der Badezimmertür. Manchmal, wenn ich abends nach Hause kam, war die Fliese verschoben. Ich dachte, komisch, aber das muss dann wohl morgens im Stress passiert sein und ich drehe mich immer genau da an der Stelle auf der Ferse um oder so. Und schob die Fliese wieder zurück. Mit der Zeit waren andere Fliesen auch verschoben und ich gab irgendwann auf, sie wieder zu richten. 

Eines Tages im Februar 2023, es war ein sonniger, milder Wintertag, saß ich mit ein paar Kollegen mittags draußen auf der Eingangstreppe. Wir rauchten und genossen die Sonne. Dann kam von links eine Frau über den Vorplatz gelaufen, setzte sich ein paar Meter rechts von uns auf die Treppe und guckte mich herausfordernd an. Sie hatte eine leichte Sommerhose an, so eine weit geschnittene. Die Hose hatte ziemlich genau das gleiche Muster wie die Vinylfliesen in meinem Flur.

Als ich abends nach Hause kam, war der Abfluss im Waschbecken sowie in der Badewanne verstopft. Ich guckte hinein und stellte fest, dass da Haare drin waren. Ich zog die Haare mit einer Pinzette heraus. Es waren meine eigenen Haare. In Büscheln.

Der Mensch verliert jeden Tag ca. hundert Haare. Wenn man lange Haare hat, kommt da ein ziemlich großes Haarbüschel zusammen. Die einfachste Methode, diese Haare einzusammeln, ist, sich über dem Waschbecken zu kämmen. Die meisten Haare bleiben in der Bürste, die man als ein zusammenhängendes Haarbüschel herausklauben kann. Die Haare, die ins Waschbecken gefallen sind, wischt man dann mit ein bisschen Klopapier aus. Ich hatte also immer eine Sammlung von Haarbüscheln im Bad-Mülleimer. Und damit vermieden, dass das Waschbecken durch Haare verstopft. 

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