Ich bin nicht rechts. Im Gegenteil, ich würde mich eher als links bezeichnen. In meiner Jugend war ich auf vielen Demos und habe mit anderen “Nazis raus!” gerufen.
Ich hatte Freunde, die mit Antifa-Mitgliedern bekannt waren. Die Antifas waren sehr misstrauisch Fremden gegenüber. Einmal fragte ich eine etwas und sprach sie mit ihrem Namen an, den hatte meine Freundin mir gesagt. Die Antifa-Frau reagierte ganz seltsam. “Woher weißt du, wie ich heiße? Wer bist du?” Nachdem ich ihr erklärte, warum und wieso, war sie beruhigt. Und erzählte dann, dass alle Antifa-Mitglieder von den Nazis beobachtet wurden. Die Nazis hatten Listen, in denen Name und Adresse notiert wurden. Auf Demos machten beide Parteien Fotos voneinander. Totale Bespitzelung. Das war Anfang der 2000er Jahre, da gab es noch nicht so viele Digitalkameras.
Zwanzig Jahre später erfuhr ich, wie es ist, bespitzelt zu werden. Ich wohnte in Berlin und wurde gestalkt. Nicht nur von einer Person, sondern von ganz vielen. Es waren immer andere Leute, da waren nur ein paar Gesichter, die ich zweimal sah. Anfangs dachte ich zu wissen, von welcher Gruppe das Stalking ausgeht. Und warum sie das machen. Einer der Anführer dieser Gruppe hatte mir etwas verraten, was ich weiter erzählt habe. Mir hat keiner geglaubt, aber die Gruppe wollte, dass ich schweige.
Anfang 2023 änderten sich die Stalker. Da waren Gesichter, die ich nicht dieser Gruppe zuordnen konnte.
Organisiertes Stalking sah in meinem Beispiel so aus. Die Stalker hatten wie bei einer Schnitzeljagd Hinweise in meiner Wohnumgebung hinterlassen, die zu dem Haus führten, in dem ich wohnte. Die Hinweise waren mit dicker schwarzer Linie gesprühte Penisse, die wie Pfeile in die Richtung des Hauses zeigten. Oberhalb mancher Penisse stand in Großbuchstaben “CLAY”.
Einmal, als ich das Haus verließ, saßen auf einer Bank in der Nähe eine Frau und ein Mann. Sie hatten einen Hund dabei. Der Hund sah ein bisschen aus wie Lassie. In meiner Erinnerung sah dieser Hund frisch gewaschen und geföhnt aus. Während ich an diesen Leuten vorbeiging, sagte die Frau zu dem Hund “Wie du wieder aussiehst, wie ein richtiges Schwein” und guckte dabei in meine Richtung.
Ein anderes Mal setzte ich mich in der S-Bahn neben einen Mann, der ein Buch in der Hand hielt. Ich dachte, jemand, der in der Bahn ein Buch liest, kann ja kein schlechter Mensch sein. Während der ca. zehn Minuten dauernden Fahrt hielt der Mann das Buch aufgeschlagen in der Hand und blätterte nicht um. Ich habe von der Seite geschielt, weil ich schnell merkte, dass der Mann irgendwie komisch war. Wie in Zeitlupe hat er das Buch immer weiter in meine Richtung gedreht. Die mir zugewandte Seite zeigte den Titel “69”.
Oft waren in der S-Bahn Leute, die mit ihren Handys wie Amateur-Geheimagenten Fotos von mir machten. Das fing an, als die Maskenpflicht entfiel. Ich habe also ziemlich schnell entschieden, trotzdem weiter Maske zu tragen.
Dann musste ich zum Zahnarzt. Die Praxis war in der Nähe der Wohnung, in der ich die erste Zeit in Berlin gewohnt hatte. Auf einer Wand in der Nähe war mit dicker schwarzer Schrift “Geiler Opa 69” gesprüht worden.
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